Der Weg

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DER WEG

In den alten Zeiten bestand der spirituelle Weg darin, dieser Welt der Vielen zu entfliehen und sich auf die Suche nach dem Einen zu machen, dem „was nicht von dieser Welt“ ist, dem Nirvana, dem Absoluten, das in allen Formen und Manifestationen zum Ausdruck kommt – so jedenfalls die Versprechung derer, die diesen Weg gegangen waren. Also machte man sich auf die Suche, entsagte der Welt, ging in ein Kloster oder in die Wüste, um Erleuchtung zu finden. Und das tun wir heute auch: meide die Vielen und suche das Eine…

Die große Überraschung
Am „Ende“ dieses Weges kommt die große Überraschung: Es gibt gar keinen Weg, es gibt nichts zu erreichen, „du bist bereits DAS“. Alles dasjenige, was erreicht werden kann, hat einen Anfang und ein Ende, ist an Raum und Zeit gebunden – und kann daher nicht das EINE und Ewige sein. Dummerweise – so die Erfahrung derjenigen, die diesen Weg gegangen sind – stellt sich diese Erkenntnis erst „am Ende“ der Bemühungen ein. Wer’s nicht glaubt, kann den Weg der „Couchspiritualität“ probieren: mit der Bierflasche in der Hand vor dem Fernseher auf der Couch liegend auf die Erleuchtung zu warten, nach dem Motto: “ es gibt nichts zu tun und zu erreichen, wozu sich also anstrengen?“.
Aber auch die authentische Selbst-Verwirklichung ist nur eine Zwischenstation, ein erster Schritt – wenn auch einer von unbeschreiblicher Erkenntniskraft und nüchterner Glückseligkeit: „ah, wie konnte ich das nur all die Jahre nicht bemerken?“ – jetzt kommt der zweite Teil der Eingangsaussage zum Tragen „… und wenn du sie gefunden hast, umarme die Vielen als das Eine“. Was nun – im Laufe der Vertiefung dieser Erfahrung der Leere – folgt, ist die Einsicht, dass das Nichtmanifeste und das Manifeste, Himmel und Erde, Gott und die Welt „nicht-zwei“ sind. „Leere ist nichts anderes als Form, und Form ist nichts anderes als Leere“, und so erscheint in und durch die Leere die Welt der Formen, als ein ebenso wundervoller Ausdruck des GEISTES wie die Leere.
Und wir finden uns mitten in unserem Leben wieder, mit unseren Beziehungen, Freunden, Feinden, Familien, in der Gemeinde, der Stadt und dem Land, in dem wir leben – mit allen Fragen und Nöten, die ein irdisches Leben mit sich bringt: Wie erziehe ich meine Kinder richtig? Wie gehe ich mit meinen Eltern und Verwandten um? Wie finde ich einen Job und was mache ich, wenn ich ihn verliere? Wie kann ich mich ins Leben einbringen? Wie verhalte ich mich in meinen derzeitigen Beziehungen am besten? Wie erhalte ich die natürlichen Lebensgrundlagen? Was kann ich zum Frieden in der Welt beitragen? Was passiert, wenn ich krank werde oder sterbe?
Es wird offenbar, dass ein Aspekt von Erleuchtung etwas mit Entwicklung und Tätigsein in der Welt zu tun hat. Und für diesen Teil der Erleuchtung sind unsere konkreten Erfahrungen und Fähigkeiten gefordert. Bist du Handwerker, dann wird die Gnade der Erleuchtung durch dein Handwerk Gestalt annehmen. Bist du Künstler, dann wird sich dein Erwachen in deiner Kunst zum Ausdruck bringen; arbeitest du in einem Büro, dann werden andere Menschen, die mit dir arbeiten, an deinem Bewusstsein teilhaben können; erziehst du Kinder, dann wird sich deine Bewusstheit in ihnen ausdrücken. Es wird deutlich, dass Erleuchtung keine exklusive Ich-Angelegenheit ist, kein Ego-Trip nach dem Motto: „Hauptsache ich werde erleuchtet, alles andere ist mir egal“, sondern sich auch im „wir“ des Miteinanders und im „es“ des Umgangs mit den Gegenständen des täglichen Gebrauchs niederschlägt; ja dass das Eine ohne das jeweils Andere nicht existieren kann. Und so wirst du dich um die Weiterentwicklung von Gemeinschaften kümmern, vielleicht in der Politik, vielleicht aber auch einfach „nur“ in deiner Familie, weil das „Wir“ ebenso ein Ausdruck des GEISTES ist wie das „Ich“, und du wirst mit den materiellen Dingen, die uns umgeben, achtsam umgehen, weil auch das „Es“ ein Ausdruck des GEISTES ist – und all dies sind Beiträge deiner einmaligen Art des In-der-Welt-Seins.

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